Der Tod und der Töfffahrer

September 10, 2011

Um ein Haar hätte ich einen Menschen getötet. Nein, ehrlich, ist so. Und das ging folgendermassen: Ich fahre mit dem Auto Richtung meine Heimat, will sagen, in das Dorf, von dem viele denken, dass sein Zentrum die Autobahnraststätte ist. Ging aber nicht, denn: Da ist eine Baustelle. Also musste ich einen Umweg fahren, der an der Kiesgrube vorbeiführte. Worauf ich in eine Überlandstrecke einzubiegen hatte. Ich, von einer minderwertigeren Strasse kommend, hatte entsprechend keine Vorfahrt. Also blinkte ich und wartete. Ein Auto fährt vorbei – es musste geradeaus. Ein weiteres Auto blinkt, will nach rechts und fährt auch nach rechts, weil ich aber nicht sehe, was das Auto dahinter macht, fahre ich noch nicht. Gut so, denn das Auto dahinter blinkt nicht. Ergo will es geradeaus, denke ich. Stimmt aber nicht. Denn am Steuer sitzt ein Vollidiot, der einen Scheiss aufs Signale setzen gibt. Obwohl er also nicht geblinkt hat, biegt er in meine Strasse ein. Ich denke: Was für ein Vollidiot. Und fahre los. Leider habe ich vergessen, vernachlässigt oder irgendwie doch nicht so recht gesehen, dass hinter dem Vollidiot ein Motorrad fuhr (keine Ahnung, ob es geblinkt hat oder nicht). Jedenfalls will der Motorrad-Fahrer geradeaus. Und zwar mit dem Tempo, das man normalerweise auf Überlandstrecken so fährt. Ich bin aber schon etwas in der Strasse drin und habe eigentlich vor, ganz reinzufahren. Zum Glück sehe ich ihn dann doch noch und bremse sofort . Er hat mich auch erblickt, bremst, zerrt an seinem Lenker. Mein Auto wackelt. Irgendwas habe ich getroffen. Doch ich sehe den Töff weiterfahren. Der Fahrer dreht sich um und fuchtelt wild. Man muss nicht sein Gesicht sehen um zu wissen, dass er ziemlich wütend ist. Dennoch bin ich erstmal erleichtert, denn wer wütend ist, ist in der Regel nicht tot. Ich fahre bis zur nächsten Abbiegung und schaue mir mein Auto kurz an. Da kommt der Töff-Fahrer zurück, nimmt seinen Helm ab, streicht sich seine verschwitzten Haare aus der Stirn und sagt: “Kannst du nicht besser aufpassen!?” Zwar sagt er es einigermassen aufgebracht, aber doch ist es viel harmloser als ich es erwartet hätte. Und da ich weiss, dass ich die brenzlige Situation verschuldet habe, entschuldige ich mich ausgiebig – und sicherlich auch glaubwürdig, da aufrichtig. Jedenfalls ist er sofort milde gestimmt und erzählt mir, das wäre beinahe sein dritter Unfall in kürzester Zeit geworden, zeigt mir seine Narben an den Unterarmen und führt aus, dass er ein halbes Jahr im Krankenhaus lag. Sofern ich mich recht erinnere. Ich denke, er ist jünger als ich. Sein Motorrad ist nagelneu, er ist damit gerade mal 60 Kilometer gefahren. Er zeigt mir die Stelle am Auspuff, wo eine Schliere zu sehen ist. Da ist sein Fuss, zwischen mein Auto und Töff geraten. Auch über meiner Stossstange hat es am Plastik einen Strich. Ich hatte ihn also wirklich touchiert. Wir sprechen noch ein wenig darüber, wie viel Glück er hatte und wie schlimm der Unfall hätte ausgehen können. In unserer Erleichterung sind wir beide redselig geworden. Und wohl auch sentimental. Denn eigentlich würde ich ihn gerne einladen, mit mir etwas trinken zu gehen. Natürlich auch, weil es mir leid tut. Und ich einfach nur froh bin, dass dieser junge Mann, den ich vorher noch nie gesehen habe, am Leben ist. Und nicht in mein Auto reingedonnert, über die Kühlerhaube geflogen, auf den Astphalt geprallt ist. Und sich nicht irgendwas geprellt, den Fuss verstaucht oder gebrochen, den Rücken ruiniert oder sich zum Krüppel gestürzt hat. Ich bin froh, ist er nicht wütend, aggressiv oder tot. Wir sind froh. Dass wir beide reagiert haben. Dass wir so grosses Glück hatten. Dass wir kurz darüber sprechen konnten. Und so tauschen wir noch ein paar Plattitüden aus. Es ist egal, was wir sagen, es geht vielmehr darum, uns zu beruhigen, uns zu zeigen, dass wir uns auch um Unbekannte sorgen und uns nicht egal ist, was mit ihnen passiert. Ich sage zum wiederholten Mal “nichts für ungut”, wir wünschen uns einen schönen Tag und gute Fahrt und verabschieden uns mit einem Händedruck. Als ich wieder einsteige, fühle ich mich, als hätte ich soeben eine Bewältigungs-Therapie absolviert. Ich bin ruhig und ausgeglichen, fast schon etwas euphorisch. Zum Glück, denke ich, habe ich diesen Menschen nicht getötet.

Eine Antwort zu “Der Tod und der Töfffahrer”

  1. sholem sagte

    Hast du ihm wenigstens deine Daten gegeben damit er dir die Rechnung für den Auspuff schicken kann?

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