Odyssee nach Olten
April 13, 2011
Also langsam wird mir das etwas unheimlich: 12. April 2011, 185 Seitenaufrufe. Ja um Himmels Willen, sind denn die Steuerfahnder hinter mir her? Oder noch schlimmer: die Billag? Wie dem auch sei, ich habe nichts zu verheimlichen. Im Gegenteil: Ich will ja hier etwas erzählen. Ich bin mir aber nicht mehr so sicher, ob die Odyssee nach Olten wirklich der Renner ist und als Anekdote taugt. Denn eigentlich war das ja eine mickrige Koinzidenz. An einem meiner letzten Arbeitstage auf der Redaktion des Grauens hatte ich Frühdienst und freute mich, bereits um 16.00 Uhr nach Hause gehen zu dürfen. Ich glaube, ich verliess sogar vor 16.10 Uhr das Büro und ging zum Bahnhof (normalerweise laufe ich nicht besonders schnell, aber Arbeitswege gehe ich erstaunlicherweise immer recht zügig). Ich begab mich auf das Gleis, auf welchem in aller Regel mein Zug nach Hause fährt – um 17.36 Uhr notabene. Ich glaube, es ist Gleis 15 oder 16 (übrigens gibt es ja seit Neuestem immer diese Durchsagen in den Zügen vor der Ankunft im Bahnhof, da werden die nächsten Verbindungen runtergeleiert und als ob das für einen Pendler nicht schon schlimm genug wäre, sagen viele Durchsager dann auch noch “Geleise”. Also so: “Interregio nach Basel, Chur, Genf auf Geleise 12.” Beim besten Willen, dann doch lieber “Schiene 12″). Da mein Zug stets einigermassen gut gefüllt ist, steige ich schon rund zehn Minuten vor der Abfahrt ein, um auch auf einem besonders schönen Platz sitzen zu können. Ich hocke mich also hin, vielleicht habe ich sogar Musik gehört, ich weiss es nicht mehr, tut aber auch nichts zur Sache. Auf alle Fälle gehen auf einmal die Türen zu und ich denke mir noch “die gehen jetzt aber früh zu, der Zug fährt ja erst in zehn Minuten oder so”. Der Zug fährt los. Ich so: Oha. Um mich herum scheint aber niemanden zu stören, dass der Zug viel zu früh abgefahren ist, darum frage ich mal ganz nett den Mann von gegenüber. “Tschuldigung, wo fährt denn jetzt der Zug hin?” Und sein Wort fuhr mir durch Mark und Bein: “Olten”. – “Ohne Halt?”, frage ich und es deucht mich, meine Stimme zittert. “Ohne Halt”, sagt er deutsch, denn er ist Deutscher. “Ach du Scheisse” (an diese Worte kann ich mich gut erinnern, die stimmen hundert pro), mache ich und denke “Mist”. Ich rücke etwas unruhig auf meinem Sitz herum, denn ich weiss, dass demnächst eine Diskussion mit dem Kontrolleur ansteht. Und da ich die Preise der SBB kenne, rechne ich mit einem saftigen Zuschlag. Der Zug fährt am Bahnhof Altstetten vorbei, an Schlieren und gleitet (oder: geleitet) nach Killwangen-Spreitenbach in den Tunnel. Der Kontrolleur ist noch einige Abteile entfernt, doch ich lege mir schon mal die passenden Worte bereit. Als er kommt, sage ich: “Sie, ich habe ein kleines Problem.” Hier gönne ich mir eine künstlerische Pause. “Ich will gar nicht nach Olten.” Ich erkläre ihm, dass ich in den falschen Zug gestiegen bin und eigentlich nach Baden hätte fahren wollen, in dem Zug, der auf dem Gleis gleich gegenüber gefahren wäre. Der Mann kennt die Problematik, das wurde mir nach wenigen Momenten klar. Der macht das jeden Tag. Ob ich ein gültiges Ticket hätte, fragt er mich. Ich zeige ihm meine entwertete Mehrfahrtenkarte. Er erklärt, dass ich die Differenz zwischen Baden und Olten bezahlen müsse, der Rückweg werde mir jedoch erlassen. Ich bin überrascht und sage so etwas wie “oh”. Mit so viel Kulanz hätte ich nicht gerechnet. Da ich ein Halbtax habe, muss ich nur 18 Franken zahlen – ja, ich glaube, in etwa so viel waren es. Der Mann schreibt mir sogar noch die nächsten Verbindungen aufs Billet: Sofern ich nicht einen dieser Züge nach Baden nehme, ist das Ticket mit dem Titel “irrtümliche Fahrt” (oder so ähnlich) nicht gültig. Ziemlich fair, finde ich. Und doch bleibt ein Nachgeschmack. Wenn ich mir hätte aussuchen können, wohin ich mich verfahre, dann wäre meine Wahl sicher nicht auf Olten gefallen. Warum musste ich mich bloss nach Olten verirren? Warum nicht Olaine oder Oleggio? Olten ist doch der absolute Un-Ort. Immerhin ein gut vernetzter. Jedenfalls hatte ich keine zwei Minuten nach meiner Ankunft den Zug zurück nach Baden und kam so eine Stunde verspätet zu Hause an. Am Ende hätte es schlimmer kommen können. Aber nicht viel.
Wie heisst das, was danach kommt? Epilog, oder? Und zwar waren es geschätzte ein paar Tage später, als ich erneut im Zug am Bahnhof sass und es über die Lautsprecher hiess: “Willkommen im Interregio nach Olten, zweites kaff, drittes Kaff.” Ich schnappte meine Tasche und sprang aus dem Zug. Auf dem Perron sah ich hoch zur Anzeigentafel, da stand weiss auf blau: “Baden, etc.” Ich stieg wieder ein und brachte die anderen Passagiere, die ebenfalls aufgesprungen waren dazu, sich wieder zu setzen. “Alles okay, er fährt nach Baden.” “Uff” sagten die anderen nicht, aber es sah so aus.
